Pilgerinnen der Hoffnung (11): Respekt

Die Reihe „Pilgerinnen der Hoffnung“ ist ein monatlich erscheinender geistlicher Beitrag zum Heiligen Jahr – eine Kooperation des internationalen Generalats der Mauritzer Franziskanerinnen und der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“. Unser Thema im November: Respekt

Dieser Artikel wurde im November 2025 in „Kirche+Leben“ veröffentlicht.

25.11.2025. Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Der November ist traditionell ein Monat, in dem wir zurückschauen auf unser eigenes Leben und auf das Leben derer, die vor uns waren, beginnend mit Allerheiligen und Allerseelen. Oft ist es eine nachdenkliche Zeit. Viele Menschen überlegen, was aus ihren Plänen vom Jahresanfang geworden ist und was sie in ihrem Leben insgesamt schon erreicht haben. Und wenn wir die Kerzen auf den Gräbern unserer Verstorbenen anzünden, ist diese Geste auch ein Ausdruck von Respekt gegenüber deren Leben, deren Lebenswerk. So auch bei uns Mauritzer Franziskanerinnen.

Kerzen der Erinnerung und des Respekts brennen zu Allerheiligen auf dem Schwesternfriedhof der Mauritzer Franziskanerinnen in Münster ©Michael Kestin

Viel „Frauen-Power“, Pioniergeist und Mut zeigt sich in der über 180-jährigen Geschichte unserer internationalen Kongregation. Mit Blick auf Beruf und Gesellschaft waren unsere Schwestern oft ihrer Zeit voraus. Denn in den von unserer Ordensgemeinschaft gegründeten Einrichtungen gab es schon immer Frauen in Leitungspositionen. Nicht nur die Pflege von Patientinnen und Patienten lag vollständig in der Hand der Schwestern, sondern auch die Gesamtleitung der Krankenhäuser. Ordensfrauen konnten sich also lange Zeit beruflich viel freier verwirklichen als die Frauen außerhalb eines Klosters: In Deutschland beispielsweise wurden verheiratete Frauen erst nach 1969 als geschäftsfähig angesehen, und bis 1977 mussten sie ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Zu der Zeit leitete Schwester M. Ambrosina Bettmer das St. Franziskus-Hospital in Münster mit mehreren hundert Schwestern und zivilen Beschäftigten.

Traditionell lernten alle Schwestern, die unserer Ordensgemeinschaft beitraten, die Krankenpflege – aber je nach den Positionen und Aufgaben, die in der Kongregation zu besetzen waren, blieb diese Ausbildung oft nicht die einzige. Wie bei Schwester M. Dietmara Ahlmann, Jahrgang 1937: Als die Ordensleitung Anfang der 1960er Jahre beschloss, die zahnärztliche Versorgung der vielen Schwestern in Münster „inhouse“ zu gewährleisten, wurde Schwester Dietmara für diese Aufgabe ausgewählt.

Zahnärztin Schwester M. Dietmara Ahlmann in ihrer Praxis im St. Franziskus-Hospital

Die gelernte Krankenschwester machte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach und studierte ab 1968 Zahnmedizin in Münster – als einzige Frau in ihrem Jahrgang. Als Zahnärztin versorgte sie dann 35 Jahre lang ihre Mitschwestern in einer voll eingerichteten Praxis im Untergeschoss des St. Franziskus-Hospitals. Parallel war sie ab 1983 in der Provinz- und Generalleitung tätig und reiste in die Niederlassungen und Projekte unserer Kongregation in Japan, Taiwan, Korea, Indien, USA, Haiti, Arizona, Polen und Tschechien.

Schwester M. Dietmara Ahlmann (2.v.r.) als Generalrätin bei den Mauritzer Franziskanerinnen in Indien Anfang der 1990er Jahre

Pioniergeist zeichnete auch unsere Schwestern aus, die für Missionsprojekte in die Welt zogen, verbunden mit Mut aus der Kraft des Glaubens. So zum Beispiel die jungen Frauen, die vor 100 Jahren, im September 1925, aus der Amerikanischen Provinz der Mauritzer Franziskanerinnen nach Tsinan (heute Jinan) in China gingen, um dort ein Krankenhaus aufzubauen. Vorher gab es unter den amerikanischen Schwestern einen Bewerbungsprozess für diesen Missionseinsatz: Gesucht wurde nach Freiwilligen „von guter Gesundheit und jünger als 40 Jahre“. Dass sie ausgebildete Krankenschwestern waren, verstand sich von selbst. 67 Schwestern meldeten sich; fünf wurden schließlich ausgesucht. Die jüngste von ihnen, die 29-jährige Schwester Evangelista Sanders, bezahlte ihren Mut mit dem Leben: Sie starb bereits nach anderthalb Jahren ihres Dienstes. Die Präsenz der Mauritzer Franziskanerinnen in China aber bestand weiter, bis die Schwestern nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kommunistischen Regime enteignet und vertrieben wurden. Zwei der Schwestern flohen nach Shanghai, von wo aus man sie 1948 nach Japan rief, um ein Krankenhaus in Nagasaki zu übernehmen – die Keimzelle der heutigen Japanischen Provinz.

Schwester Engelberta Beyer und Schwester Euphrosine Fischer in China, 1926

An all diese Schwestern erinnern wir uns mit großem Respekt. Aber unser Respekt gilt auch jenen Mitschwestern, die ein weniger bewegtes Leben hatten und in Stille und Treue ihren Dienst versahen und bis heute versehen, ob im Krankenhaus, in einer Schule oder Gemeinde, ob bei ihrer Arbeit in der Hauswirtschaft oder bei der Besinnung im Gebet. Und ganz im Sinne unseres Ordenspatrons, des Hl. Franziskus von Assisi, blicken wir mit großem Respekt auf das Leben eines jeden Menschen: Jede und jeder von uns ist mit individuellen Fähigkeiten und Hoffnungen, Zielen und Herausforderungen in diese Welt gestellt. Manches gelingt uns auf unserem Lebensweg, manches nicht – auch das ist zutiefst menschlich. Wenn wir jetzt im November also Rückschau halten, sollten wir immer auch unser Bemühen würdigen – mit Respekt und mit den Augen der Liebe.

Schwester M. Lima Arackal, Claudia Berghorn

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