Pilgerinnen der Hoffnung (12): Würde

Die Reihe „Pilgerinnen der Hoffnung“ ist ein monatlich erscheinender geistlicher Beitrag zum Heiligen Jahr – eine Kooperation des internationalen Generalats der Mauritzer Franziskanerinnen und der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“. Unser Thema im Dezember: Würde.

Dieser Artikel wurde im Dezember 2025 in „Kirche+Leben“ veröffentlicht.

30.12.2025. Die Würde des Menschen ist unantastbar: Wie wunderbar wäre es, wenn dieser Satz nicht nur in unserem Grundgesetz stünde, sondern weltweit eine Selbstverständlichkeit wäre. Doch auch heute noch müssen viele Menschen um ihre Würde kämpfen, leiden unter Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Not. Manchmal sind ganze Gruppen aufgrund ihrer Religion betroffen oder durch Kriege und Naturkatastrophen; manchmal sind es persönliche Schicksalsschläge oder Erkrankungen, die Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. Gerade im Dezember, wenn wir die Ankunft unseres Herrn erwarten, denke ich besonders häufig darüber nach. Denn so romantisch die Geburt in einem Stall heute auch dargestellt wird: Die Heilige Familie hätte es sich sicher lieber zu Hause gemütlich gemacht.

Auch denke ich an unseren Ordenspatron, den Hl. Franziskus von Assisi, der sein Leben den Kranken und Ausgegrenzten gewidmet hat. Eine seiner prägendsten, schicksalhaften Begegnungen war die mit einem Aussätzigen vor den Toren von Assisi. Dort, außerhalb der Stadt, lebten seinerzeit die an Lepra erkrankten Menschen. Doch auch heute noch gibt es Lepra, gibt es diese Ausgrenzung. Zum Beispiel in Indien, in Ramgarh im Bundesstaat Jharkhand. Seit 1982 unterstützen die Schwestern unserer internationalen Ordensgemeinschaft dort Menschen in einer Lepra-Siedlung – sowohl medizinisch als auch dadurch, dass sie den Schulbesuch ihrer Kinder ermöglichen. Gesundheit und Ausbildung: Zwei wichtige Aspekte für ein Leben in Würde.

Schwester M. Stefania Gembalczyk (li.) in der Indischen Provinz der Mauritzer Franziskanerinnen im Konvent in Ramgarh

Gegründet wurde der Konvent in Ramgarh von Schwester M. Vulmara Hannöver, die 1973 als erste Mauritzer Franziskanerin von Münster nach Indien ging. Von 1989 an hat sich eine unserer polnischen Mitschwestern besonders in Ramgarh engagiert, Schwester M. Stefania Gembalczyk. Mehr als 25 Jahre lang versorgte sie als Krankenschwester die Lepra-Kranken; sie wurde von ihnen „unsere Mutter Theresa“ genannt.

Außer in der Gesundheitsfürsorge sind unsere indischen Schwestern in Ramgarh vor allem in der Bildung tätig. Vor zwei Jahren eröffneten sie eine neue englischsprachige Schule, in der inzwischen 914 Kinder unterrichtet werden.

Wie wichtig die Arbeit unserer Schwestern in Ramgarh ist, habe ich bei meinen Besuchen dort erlebt. Einmal war es bereits dunkel, als wir die Lepra-Kolonie erreichten. Offene Feuer erhellten die engen Gassen und warfen mildes Licht auf die Menschen, die dort lebten. Sie luden uns ein in ihre armseligen Hütten – Hütten, die an die Darstellungen des Stalls in Bethlehem erinnerten. Später trafen wir einen alten Mann; er begrüßte uns freundlich, indem er sich nach vorne beugte und seine Hände an seine Stirn hob – so dachten wir. Dann wurde uns klar, dass er gar keine Hände mehr hatte, sondern nur noch Stümpfe.

Er freute sich sehr über unseren Besuch, war aber traurig, weil wir so spät kamen. Und er bat uns, bei Tageslicht zurückzukommen, damit er unsere Gesichter sehen könne. Obwohl dieser alte Mann spärlich in Lumpen gekleidet war, strahlte er eine große Würde aus. Seine Einladung ging uns sehr zu Herzen. Wir fühlten uns klein und beschämt – Tränen standen uns in den Augen in der Dunkelheit.

Im Licht der Heiligen Nacht wirkt diese Erinnerung besonders nach. Gott lädt uns ein in die armseligen Hütten dieser Welt. Er lädt uns ein in den armseligen Stall zu Bethlehem, damit wir uns ansehen lassen von Jesus Christus, der Mensch geworden ist und uns schon durch das Geheimnis seiner Liebe „Ansehen“ verleiht. Er schenkt uns sein Licht und eine Würde, die uns niemals mehr genommen werden kann. Denn: „In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis.“

Unser Glaube wird in der Art und Weise sichtbar, wie wir den Menschen begegnen, unabhängig von Krankheit oder gesellschaftlicher Position. Das Kind in der Krippe ist der Garant dafür, dass der Mensch niemals seine königliche Würde verliert. Heute mehr denn je ist es wichtig für uns Christen, persönlich Zeugnis zu geben von der heilenden Gegenwart Gottes. Beten wir füreinander, dass sich unser Glaube an die Menschwerdung Gottes vertieft. Der Blick auf Jesus Christus, unseren Herrn, der im Stall geboren wurde, lässt uns all jene Menschen sehen, die obdachlos geworden sind, arm und krank, die hungrig sind und Leid ertragen müssen; die Liste ist lang. Weihnachten lädt uns ein, wieder neu auf Gottes Wort zu hören und Seinen Willen zu suchen für uns und unsere Kirche in dieser Stunde unserer Geschichte.

Schwester M. Margarete Ulager, Claudia Berghorn

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Frohe und gesegnete Weihnachten!

Weihnachtsbrief von Schwester M. Margarete Ulager, Generaloberin der Mauritzer Franziskanerinnen

Liebe Schwestern, liebe Mitarbeitende, liebe Freunde!

An Heiligabend, dem 24. Dezember 1968, erreichten die drei US-Astronauten Frank Borman, William Anders und James Lovell an Bord der Apollo 8 den Mond. Von dort aus schickten die Raumfahrer die damals wohl weitesten Weihnachtsgrüße der Geschichte zur Erde. Die drei Astronauten waren drei Tage zuvor, am 21. Dezember 1968, zur ersten bemannten Mondfahrt aufgebrochen. Die Mission der NASA sollte dazu dienen, die Oberfläche des Mondes zu fotografieren und eine geeignete Landestelle für eine spätere Mondlandung zu finden. Doch bei der vierten von insgesamt zehn geplanten Umrundungen des Mondes geschah am 24. Dezember 1968, Heiligabend, etwas vollkommen Unerwartetes: Die Astronauten sahen plötzlich im weiten Universum die Rückseite des Mondes und die Erde über dem Horizont des Mondes „aufgehen“, in unendlicher Stille, ähnlich wie man den Mond auf der Erde aufgehen sieht.

Erstaunt über diesen grandiosen Anblick und darüber, wie klein unsere Erde in den Weiten des Weltalls schien, wurde sich der Astronaut Frank Borman der Gegenwart Gottes und unserer menschlichen Realität auf der Erde sehr bewusst. Zur Überraschung aller sprach ein Gebet:

„Schenke uns, o Gott, die Fähigkeit, Deine Liebe in dieser Welt zu sehen, trotz unseres menschlichen Versagens.

Schenke uns den Glauben, trotz unserer Unwissenheit und Schwäche, Deiner Güte zu vertrauen. 

Schenke uns Erkenntnis, damit wir nicht aufhören zu beten mit einem verstehenden Herzen.

Und zeige uns, was jeder von uns tun kann, um der Welt den Frieden zu bringen.

Frank Bormann, US-Astronaut, 24. Dezember 1968

Dieser historische Rückblick erinnert daran, dass das Fest der Menschwerdung Gottes kein simples Ereignis auf dem Kalender ist, kein Ereignis im Jahreskreis, keine historisch-geschichtliche Markierung im Laufe der Jahrhunderte. Sondern es ist das ALLMÄCHTIGE WORT (Joh 1,14), hineingeboren in unser tiefstes Sein, als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war (Weish 18, 14), Grund und Quelle allen Lebens.

Von Herzen wünschen wir Ihnen, Euch und allen, die Ihnen und Euch verbunden sind, ein gesegnetes, friedvolles und gnadenreiches Weihnachtsfest, verbunden mit allen guten Wünschen für das Neue Jahr 2026.

Herzlichen Dank für jedes Gebet und alle Unterstützung! Möge der Stern der Weihnacht uns allen im Neuen Jahr 2026 milde leuchten oder glänzend strahlen, so wie wir es gerade brauchen.

Es grüßen Sie und Euch herzlich, Pater Michael Plattig O.Carm., Schwester M. Rita, Schwester M. Lima, Schwester M. Hiltrud, Schwester M. Teresa, Schwester M. Beata, Schwester M. Laetitia, Schwester Christa Maria, unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Ihre/ Eure

Schwester M. Margarete Ulager

Fotos: Michael Kestin

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Advent in unserer internationalen Gemeinschaft

Für weltweit etwa 2,5 Milliarden Christen ist der Advent eine ganz besondere Zeit im Kirchenjahr: Eine Zeit voller Erwartung und Vorbereitungen auf Weihnachten, dem Fest der Menschwerdung unseres Herrn. Eine Zeit der Stille, der Besinnung, der vielfältigen Traditionen.

Diese Traditionen wollten wir uns einmal genauer ansehen und haben die Mitglieder unserer multinationalen und multikulturellen Gemeinschaft gefragt, wie die Adventszeit in ihrer Heimat gefeiert wird.

Das Ergebnis: Es gibt große Gemeinsamkeiten! So werden an all unseren Standorten besonders festliche Adventsgottesdienste gefeiert, Kerzen an den Adventskränzen entzündet und im Dezember täglich die Türen von Adventskalendern geöffnet. Auch wird das Warten aufs Weihnachtsfest überall als Zeit des Gebetes und der spirituellen Reflexion genutzt. Und das Licht spielt eine große Rolle: Lichter in dunkler Zeit, der Stern am Horizont: Denn es wird kommen der Herr. Aber es gibt auch Unterschiede. Einige davon haben wir zusammengestellt.

Advent mit unseren internationalen Schwestern im Mutterhaus in Münster, von links nach rechts: Schwester M. Laetitia mit einem Weihnachtsstern, der in Japan genauso beliebt ist wie in Deutschland. Schwester M. Lima zeigt einen „Stutenkerl“ und Schwester M. Benedikte einen Schuh, der vom Nikolaus gefüllt wurde. Schwester M. Teresa zeigt selbstgebackene Lebkuchen aus der Polnischen Provinz.

Deutschland

In Deutschland stellen die Kinder am Vorabend des 6. Dezember ihre schön geputzten Schuhe oder Stiefel vor die Haustür – und finden darin am Morgen kleine Geschenke und Süßigkeiten des Hl. Nikolaus. Diesen Heiligen soll auch der „Stutenkerl“ darstellen. Früher erhielten ihn Kranke oder Menschen, die nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten, als Segenszeichen.

Der Beginn der Adventszeit wird in der Mutterhauskirche in Münster mit einer besonders feierlich gestalteten Vesper gefeiert. Dabei zündet ein Priester die erste Kerze am Adventskranz an, während die Schwestern das Lied singen: „Wir sagen Euch an den lieben Advent…“. Seit einigen Jahren wird in der Mutterhauskirche auch ein festliches Benefiz-Konzert mit Weihnachtsliedern zu Gunsten des Johannes-Hospizes Münster veranstaltet. 400 Kerzen brannten bei den „Christmas Carols 2025“ am 7. Dezember 2025 mit dem Konzertchor Münster; es waren auch viele Kinder beteiligt. Auch die beeindruckende Lichtshow und unser Organist Markus Schröder trugen zum Erfolg des Konzertes bei.

Ich erinnere mich an eine Tradition aus meiner Grundschulzeit: Jedes Kind, das eine gute Tat vollbracht hatte, legte in der Adventszeit dafür einen Strohhalm in die Krippe, damit das göttliche Kind an Weihnachten weich gebettet werden konnte.

Schwester M. Benedikte

Was wäre der Advent ohne Plätzchen? In unserem Mutterhaus in Münster haben unsere vietnamesischen Mitschwestern mit Schwester M. Vera viele Plätzchen gebacken und dann mit Schwester M. Rita im Generalat mit Schokolade verziert. Zum Adventsbesuch fuhren die Schwestern auch nach Kroge.

Polen

In vielen Gegenden in Polen bringen Kinder symbolisch das Licht zu den Häusern der Menschen, und in den Klöstern werden Krippen und Adventskrippen liebevoll gestaltet. Die Schwestern der Polnischen Provinz bieten spirituelle und materielle Hilfe an, indem sie Weihnachtspakete für Bedürftige organisieren und Treffen und Gespräche mit sozial ausgegrenzten Menschen anbieten.

Eines der charakteristischsten Merkmale des Advents in Polen ist die Rorate-Messe – eine Liturgie, die zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria in den frühen Morgenstunden, meist vor Sonnenaufgang, gefeiert wird. Die Teilnehmer bringen Kerzen oder Laternen mit, die die Erwartung des kommenden „Lichts der Welt“ – Jesus Christus – symbolisieren.

Schwester M. Teresa

In Oldrzychowice in unserer Polnischen Provinz organisierten Schwester M. Franciska Wanat und einige Ehrenamtliche einen Nikolausbesuch für die Kinder, die von der Flutkatastrophe im September 2024 betroffen waren. 52 Kinder nahmen an der Veranstaltung teil und verbrachten einen schönen Nachmittag zusammen.

USA

In USA haben die Adventskalender 25 Türchen, weil Weihnachten nicht an Heiligabend gefeiert wird, sondern am 25. Dezember.

Ich singe sehr gerne Adventslieder, um mich auf die Ankunft unseres Herrn vorzubereiten. Vor etwa 40 Jahren habe ich Händels Messias kennengelernt und höre ihn oft. Als ich ein Kind war, hatte die Krippe in unserem Haus einen ganz besonderen Stellenwert. Im Noviziat übten wir uns jeden Tag mit besonderen Gedanken im spirituellen Aufbau der Krippe.

Schwester Janelle Athorp, OSF

Japan

In Mutterhaus in Himeji verwenden die Schwestern seit etwa 20 Jahren violette und rosafarbene Kerzen, die sie aus der koreanischen Mission mitgebracht haben. Violett steht für Reue, Rosafarben für Freude. Wenn sich die Farben der Kerzen von drei tiefvioletten zu drei hellvioletten und dann zu einer rosafarbenen Kerze verändern, rückt Weihnachten näher.

Unsere Gemeinschaft hat die Tradition der Missionarinnen übernommen, eine „geistige Krippe“ zu gestalten. Wir bereiten uns darauf vor, Christus willkommen zu heißen, indem wir diese Krippe bauen und „Stroh“ in unseren Herzen auslegen, indem wir Gebete, Opfer und gute Taten sammeln.

Schwester M. Laetitia

Indien

In einigen Regionen Indiens werden im Advent Rosenplätzchen, Kulkuls und Früchtebrot gebacken. Über soziale Medien und Gemeindegruppen beteiligen sich viele Menschen in Indien an Wohltätigkeitsaktionen und Hilfsprogrammen, sodass die Adventszeit nicht nur der spirituellen Vorbereitung dient, sondern auch dazu, Liebe und Freude mit anderen zu teilen.

In Indien empfinden wir tief, was es bedeutet, erwartungsvoll zu warten – auf den Monsun, auf die Ernte, darauf, dass das Licht die Dunkelheit besiegt. Wenn wir die Kerzen am Adventskranz entzünden, erinnere ich mich an die Diyas von Diwali – beide leuchten als Zeichen der Hoffnung.

An alle meine Schwestern auf der ganzen Welt: Möge dieser Advent uns helfen, die Schönheit des Wartens wiederzuentdecken – nicht mit Angst, sondern mit Frieden und Vertrauen. Mögen unsere Herzen zu demütigen Wiegen der Hoffnung werden, bereit, den Friedensfürsten zu empfangen. Und möge unser Leben, wo immer wir auch sind, wie kleine Lampen leuchten und die Wärme und das Licht der Liebe Christi an alle weitergeben, denen wir begegnen.

Schwester M. Renita

Wir danken den Schwestern unserer internationalen Ordensgemeinschaft, die uns Informationen zum Advent in ihren Heimatländern geschickt haben: Schwester M. Benedikte (Deutschland), Schwester Teresa (Polen), Schwester Schwester Janelle (USA), Schwester M. Laetitia (Japan) und Schwester M. Renita (Indien).

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Pilgerinnen der Hoffnung (11): Respekt

Die Reihe „Pilgerinnen der Hoffnung“ ist ein monatlich erscheinender geistlicher Beitrag zum Heiligen Jahr – eine Kooperation des internationalen Generalats der Mauritzer Franziskanerinnen und der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“. Unser Thema im November: Respekt

Dieser Artikel wurde im November 2025 in „Kirche+Leben“ veröffentlicht.

25.11.2025. Wieder neigt sich ein Jahr dem Ende zu. Der November ist traditionell ein Monat, in dem wir zurückschauen auf unser eigenes Leben und auf das Leben derer, die vor uns waren, beginnend mit Allerheiligen und Allerseelen. Oft ist es eine nachdenkliche Zeit. Viele Menschen überlegen, was aus ihren Plänen vom Jahresanfang geworden ist und was sie in ihrem Leben insgesamt schon erreicht haben. Und wenn wir die Kerzen auf den Gräbern unserer Verstorbenen anzünden, ist diese Geste auch ein Ausdruck von Respekt gegenüber deren Leben, deren Lebenswerk. So auch bei uns Mauritzer Franziskanerinnen.

Kerzen der Erinnerung und des Respekts brennen zu Allerheiligen auf dem Schwesternfriedhof der Mauritzer Franziskanerinnen in Münster ©Michael Kestin

Viel „Frauen-Power“, Pioniergeist und Mut zeigt sich in der über 180-jährigen Geschichte unserer internationalen Kongregation. Mit Blick auf Beruf und Gesellschaft waren unsere Schwestern oft ihrer Zeit voraus. Denn in den von unserer Ordensgemeinschaft gegründeten Einrichtungen gab es schon immer Frauen in Leitungspositionen. Nicht nur die Pflege von Patientinnen und Patienten lag vollständig in der Hand der Schwestern, sondern auch die Gesamtleitung der Krankenhäuser. Ordensfrauen konnten sich also lange Zeit beruflich viel freier verwirklichen als die Frauen außerhalb eines Klosters: In Deutschland beispielsweise wurden verheiratete Frauen erst nach 1969 als geschäftsfähig angesehen, und bis 1977 mussten sie ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Zu der Zeit leitete Schwester M. Ambrosina Bettmer das St. Franziskus-Hospital in Münster mit mehreren hundert Schwestern und zivilen Beschäftigten.

Traditionell lernten alle Schwestern, die unserer Ordensgemeinschaft beitraten, die Krankenpflege – aber je nach den Positionen und Aufgaben, die in der Kongregation zu besetzen waren, blieb diese Ausbildung oft nicht die einzige. Wie bei Schwester M. Dietmara Ahlmann, Jahrgang 1937: Als die Ordensleitung Anfang der 1960er Jahre beschloss, die zahnärztliche Versorgung der vielen Schwestern in Münster „inhouse“ zu gewährleisten, wurde Schwester Dietmara für diese Aufgabe ausgewählt.

Zahnärztin Schwester M. Dietmara Ahlmann in ihrer Praxis im St. Franziskus-Hospital

Die gelernte Krankenschwester machte auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach und studierte ab 1968 Zahnmedizin in Münster – als einzige Frau in ihrem Jahrgang. Als Zahnärztin versorgte sie dann 35 Jahre lang ihre Mitschwestern in einer voll eingerichteten Praxis im Untergeschoss des St. Franziskus-Hospitals. Parallel war sie ab 1983 in der Provinz- und Generalleitung tätig und reiste in die Niederlassungen und Projekte unserer Kongregation in Japan, Taiwan, Korea, Indien, USA, Haiti, Arizona, Polen und Tschechien.

Schwester M. Dietmara Ahlmann (2.v.r.) als Generalrätin bei den Mauritzer Franziskanerinnen in Indien Anfang der 1990er Jahre

Pioniergeist zeichnete auch unsere Schwestern aus, die für Missionsprojekte in die Welt zogen, verbunden mit Mut aus der Kraft des Glaubens. So zum Beispiel die jungen Frauen, die vor 100 Jahren, im September 1925, aus der Amerikanischen Provinz der Mauritzer Franziskanerinnen nach Tsinan (heute Jinan) in China gingen, um dort ein Krankenhaus aufzubauen. Vorher gab es unter den amerikanischen Schwestern einen Bewerbungsprozess für diesen Missionseinsatz: Gesucht wurde nach Freiwilligen „von guter Gesundheit und jünger als 40 Jahre“. Dass sie ausgebildete Krankenschwestern waren, verstand sich von selbst. 67 Schwestern meldeten sich; fünf wurden schließlich ausgesucht. Die jüngste von ihnen, die 29-jährige Schwester Evangelista Sanders, bezahlte ihren Mut mit dem Leben: Sie starb bereits nach anderthalb Jahren ihres Dienstes. Die Präsenz der Mauritzer Franziskanerinnen in China aber bestand weiter, bis die Schwestern nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kommunistischen Regime enteignet und vertrieben wurden. Zwei der Schwestern flohen nach Shanghai, von wo aus man sie 1948 nach Japan rief, um ein Krankenhaus in Nagasaki zu übernehmen – die Keimzelle der heutigen Japanischen Provinz.

Schwester Engelberta Beyer und Schwester Euphrosine Fischer in China, 1926

An all diese Schwestern erinnern wir uns mit großem Respekt. Aber unser Respekt gilt auch jenen Mitschwestern, die ein weniger bewegtes Leben hatten und in Stille und Treue ihren Dienst versahen und bis heute versehen, ob im Krankenhaus, in einer Schule oder Gemeinde, ob bei ihrer Arbeit in der Hauswirtschaft oder bei der Besinnung im Gebet. Und ganz im Sinne unseres Ordenspatrons, des Hl. Franziskus von Assisi, blicken wir mit großem Respekt auf das Leben eines jeden Menschen: Jede und jeder von uns ist mit individuellen Fähigkeiten und Hoffnungen, Zielen und Herausforderungen in diese Welt gestellt. Manches gelingt uns auf unserem Lebensweg, manches nicht – auch das ist zutiefst menschlich. Wenn wir jetzt im November also Rückschau halten, sollten wir immer auch unser Bemühen würdigen – mit Respekt und mit den Augen der Liebe.

Schwester M. Lima Arackal, Claudia Berghorn

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Pilgerinnen der Hoffnung (9): Unterstützung

Die Reihe „Pilgerinnen der Hoffnung“ ist ein monatlich erscheinender geistlicher Beitrag zum Heiligen Jahr – eine Kooperation des internationalen Generalats der Mauritzer Franziskanerinnen und der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“. Unser Thema im September: Unterstützung

Dieser Artikel wurde im September 2025 in „Kirche+Leben“ veröffentlicht.

25.09.2025. Vor einem Jahr, Mitte September 2024, wurden weite Teile Osteuropas von Starkregen und Überschwemmungen heimgesucht. Etliche Menschen verloren ihr Leben. In Polen war genau die Region besonders betroffen, in denen die Mauritzer Franziskanerinnen seit 1848 tätig sind: Als ein Staudamm brach, ergoss sich eine Flutwelle in den niederschlesischen Ort Ołdrzychowice Kłodzkie mit dem Mutterhaus unserer Polnischen Provinz. Straßen, Mauern, Autos, Zäune, Bäume wurden einfach fortgerissen und weggespült, Häuser liefen voll. Als das Wasser endlich ablief, zeigte sich das ganze schlimme Ausmaß der Verwüstung.

Das Mutterhaus der Polnischen Provinz war zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Provinzoberin der Polnischen Provinz, Schwester M. Maksymiliana Pilarska, mit einer Delegation von Mitschwestern in Münster, um am Generalkapitel der internationalen Kongregation teilzunehmen. „Mit der Hälfte unserer Gruppe reisten wir so schnell wie möglich zu unserem Mutterhaus zurück,“, erinnert sie sich heute. Was die Schwestern vorfanden, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. „Die Gebäude standen meterhoch voll Wasser. Es gab keinen Strom, keine Heizung, kein frisches Wasser, kein Telefon, kein Internet.“ Auch ein Jahr später sind die Renovierungsarbeiten noch nicht abgeschlossen.

Schwester M. Stella Kowalska sorgte für Wärme und Essen

Doch der Blick zurück ist nicht nur von Entsetzen geprägt, sondern auch von Dankbarkeit. „Die Unterstützung, die wir in dieser Notsituation erfahren haben, war unglaublich – vor Ort und international.“ Diese Unterstützung kam sowohl von den Nachbarn, von Menschen aus der Region und von der polnischen Regierung als auch von den Familien der Schwestern und der internationalen Ordensgemeinschaft. „Das Generalat, unsere internationale Leitung in Münster, beschaffte Generatoren, Trockengeräte und Materialien, die in unserer Region sofort vergriffen waren“, berichtet Schwester Maksymiliana. „Außerdem Medikamente, Wasser, Lebensmittel und vieles mehr.“ Auch die Deutsche Ordensprovinz, die St. Franziskus-Stiftung und die Pfarrei St. Antonius in Münster beteiligten sich an der Soforthilfe, genauso wie die Spedition Fiege Healthcare Logistics, die für den Transport sorgte. Dringend notwendige finanzielle Hilfe kam ebenfalls aus Münster und von vielen Menschen in Polen und der ganzen Welt. Bis November 2024 gingen 369 Geldspenden bei den Schwestern ein, kleine und größere. Die Schwestern teilten diese Sach- und Geldmittel mit anderen Betroffenen vor Ort. „Bei all unseren Unterstützern möchten wir uns nochmals von ganzem Herzen bedanken“, betont Schwester Maksymiliana.

Kurze Pause für Provinzoberin Schwester M. Maksymiliana Pilarska beim Brennholz-Schlagen

„Dass wir uns in Notlagen gegenseitig helfen können, gehört zu den großen Genschenken unserer Internationalität“, sagt die Generaloberin der Mauritzer Franziskanerinnen, Schwester M. Margarete Ulager. Doch ist die weltweite Hilfe der Franziskanerinnen weder auf akute Situationen begrenzt noch auf die eigene Gemeinschaft. So haben die Schwestern in USA, die seit 1875 im Gesundheitsdienst tätig sind und viele Krankenhäuser im Mittleren Westen gegründet haben, „Mission Outreach“ ins Leben gerufen: Die Organisation mit Sitz in Springfield, Illinois, kümmert sich um die dringenden medizinischen Bedürfnisse von Menschen in ressourcenarmen Gebieten auf der ganzen Welt, indem sie in US-amerikanischen Krankenhäusern medizinische Hilfsgüter und Geräte sammelt, diese sortiert, bei Bedarf repariert und dann weltweit an Krankenhäuser und medizinische Hilfsorganisationen verteilt.

Unterstützung durch mehr als 300 Freiwillige

Die Abteilung für Biomedizintechnik von „Mission Outreach“ testet und verwaltet jedes Jahr 700 medizinische Geräte mit den dazugehörigen Verbrauchsmaterialien. Bei der Verpackung, Inventarisierung und Versendung der Hilfsgüter kann die Organisation auf die Unterstützung von mehr als 300 Freiwilligen zählen. So ist es seit der Gründung im Jahr 2002 gelungen, medizinische Hilfsgüter und Geräte im Wert von über 85 Millionen Dollar zu retten, die sonst auf Mülldeponien gelandet wären. Weltweit konnten schon 530 medizinische Hilfsorganisationen unterstützt werden; im August 2024 freute sich das Team von „Mission Outreach“ darüber, dass mit einer Lieferung nach Burundi das 100. Land erreicht wurde.

„Was kann ich persönlich tun, um Not zu lindern – jetzt und hier, mit meinen Mitteln und Möglichkeiten?“ Diese Frage hat bereits vor 800 Jahren unseren Namenspatron bewegt, den Hl. Franziskus von Assisi. Er verschenkte all seinen weltlichen Besitz und widmete sein Leben dem Dienst an Gott und den Menschen, die krank und ausgegrenzt waren. Inspiriert von seinem Vorbild, haben wir Mauritzer Franziskanerinnen seit der Gründung der Ordensgemeinschaft 1844 weltweit immer wieder neue Antworten auf diese Frage gesucht. Und haben voller Dankbarkeit die Unterstützung angenommen, die uns gewährt wird. Zum Beispiel von Leoś, einem 10-jährigen polnischen Jungen: Von dem Geld, das er zur Kommunion geschenkt bekommen hatte, kaufte er den Schwestern in Ołdrzychowice Kłodzkie einen Luft-Entfeuchter.

Schwester M. Beata Kapica, Claudia Berghorn

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