
Pilgerinnen der Hoffnung (12): Würde
Die Reihe „Pilgerinnen der Hoffnung“ ist ein monatlich erscheinender geistlicher Beitrag zum Heiligen Jahr – eine Kooperation des internationalen Generalats der Mauritzer Franziskanerinnen und der Kirchenzeitung „Kirche und Leben“. Unser Thema im Dezember: Würde.
Dieser Artikel wurde im Dezember 2025 in „Kirche+Leben“ veröffentlicht.
30.12.2025. Die Würde des Menschen ist unantastbar: Wie wunderbar wäre es, wenn dieser Satz nicht nur in unserem Grundgesetz stünde, sondern weltweit eine Selbstverständlichkeit wäre. Doch auch heute noch müssen viele Menschen um ihre Würde kämpfen, leiden unter Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Not. Manchmal sind ganze Gruppen aufgrund ihrer Religion betroffen oder durch Kriege und Naturkatastrophen; manchmal sind es persönliche Schicksalsschläge oder Erkrankungen, die Menschen an den Rand der Gesellschaft drängen. Gerade im Dezember, wenn wir die Ankunft unseres Herrn erwarten, denke ich besonders häufig darüber nach. Denn so romantisch die Geburt in einem Stall heute auch dargestellt wird: Die Heilige Familie hätte es sich sicher lieber zu Hause gemütlich gemacht.
Auch denke ich an unseren Ordenspatron, den Hl. Franziskus von Assisi, der sein Leben den Kranken und Ausgegrenzten gewidmet hat. Eine seiner prägendsten, schicksalhaften Begegnungen war die mit einem Aussätzigen vor den Toren von Assisi. Dort, außerhalb der Stadt, lebten seinerzeit die an Lepra erkrankten Menschen. Doch auch heute noch gibt es Lepra, gibt es diese Ausgrenzung. Zum Beispiel in Indien, in Ramgarh im Bundesstaat Jharkhand. Seit 1982 unterstützen die Schwestern unserer internationalen Ordensgemeinschaft dort Menschen in einer Lepra-Siedlung – sowohl medizinisch als auch dadurch, dass sie den Schulbesuch ihrer Kinder ermöglichen. Gesundheit und Ausbildung: Zwei wichtige Aspekte für ein Leben in Würde.

Gegründet wurde der Konvent in Ramgarh von Schwester M. Vulmara Hannöver, die 1973 als erste Mauritzer Franziskanerin von Münster nach Indien ging. Von 1989 an hat sich eine unserer polnischen Mitschwestern besonders in Ramgarh engagiert, Schwester M. Stefania Gembalczyk. Mehr als 25 Jahre lang versorgte sie als Krankenschwester die Lepra-Kranken; sie wurde von ihnen „unsere Mutter Theresa“ genannt.


Außer in der Gesundheitsfürsorge sind unsere indischen Schwestern in Ramgarh vor allem in der Bildung tätig. Vor zwei Jahren eröffneten sie eine neue englischsprachige Schule, in der inzwischen 914 Kinder unterrichtet werden.
Wie wichtig die Arbeit unserer Schwestern in Ramgarh ist, habe ich bei meinen Besuchen dort erlebt. Einmal war es bereits dunkel, als wir die Lepra-Kolonie erreichten. Offene Feuer erhellten die engen Gassen und warfen mildes Licht auf die Menschen, die dort lebten. Sie luden uns ein in ihre armseligen Hütten – Hütten, die an die Darstellungen des Stalls in Bethlehem erinnerten. Später trafen wir einen alten Mann; er begrüßte uns freundlich, indem er sich nach vorne beugte und seine Hände an seine Stirn hob – so dachten wir. Dann wurde uns klar, dass er gar keine Hände mehr hatte, sondern nur noch Stümpfe.
Er freute sich sehr über unseren Besuch, war aber traurig, weil wir so spät kamen. Und er bat uns, bei Tageslicht zurückzukommen, damit er unsere Gesichter sehen könne. Obwohl dieser alte Mann spärlich in Lumpen gekleidet war, strahlte er eine große Würde aus. Seine Einladung ging uns sehr zu Herzen. Wir fühlten uns klein und beschämt – Tränen standen uns in den Augen in der Dunkelheit.
Im Licht der Heiligen Nacht wirkt diese Erinnerung besonders nach. Gott lädt uns ein in die armseligen Hütten dieser Welt. Er lädt uns ein in den armseligen Stall zu Bethlehem, damit wir uns ansehen lassen von Jesus Christus, der Mensch geworden ist und uns schon durch das Geheimnis seiner Liebe „Ansehen“ verleiht. Er schenkt uns sein Licht und eine Würde, die uns niemals mehr genommen werden kann. Denn: „In ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis.“
Unser Glaube wird in der Art und Weise sichtbar, wie wir den Menschen begegnen, unabhängig von Krankheit oder gesellschaftlicher Position. Das Kind in der Krippe ist der Garant dafür, dass der Mensch niemals seine königliche Würde verliert. Heute mehr denn je ist es wichtig für uns Christen, persönlich Zeugnis zu geben von der heilenden Gegenwart Gottes. Beten wir füreinander, dass sich unser Glaube an die Menschwerdung Gottes vertieft. Der Blick auf Jesus Christus, unseren Herrn, der im Stall geboren wurde, lässt uns all jene Menschen sehen, die obdachlos geworden sind, arm und krank, die hungrig sind und Leid ertragen müssen; die Liste ist lang. Weihnachten lädt uns ein, wieder neu auf Gottes Wort zu hören und Seinen Willen zu suchen für uns und unsere Kirche in dieser Stunde unserer Geschichte.
Schwester M. Margarete Ulager, Claudia Berghorn


























